Wer macht eigentlich das Licht?

Am vergangenen Freitag war ich mal wieder als Techniker für einen Künstler unterwegs. Normalerweise sieht mein Festivalalltag etwas anders aus. Ich drücke das Festival komplett durch: verschiedene Künstler, unterschiedliche Anforderungen, Umbauten, Technik im Blick behalten und zwischendrin immer wieder versuchen, aus dem vorhandenen Setup das Beste für den jeweiligen Act herauszuholen. Dieses Mal war ich dagegen nur für einen Künstler da. Und ganz ehrlich: Es war schön, am FOH so warm empfangen zu werden. 😄

Nicht, weil ich sonst mit verschlossen Armen abgewiesen werde. Aber es ist einfach eine andere Situation, wenn man selbst als Gast an einen FOH kommt, die Bühne vorfindet und sich jemand darum kümmert, dass man vernünftig arbeiten kann.

Patch passt.

Technik läuft.

Die wichtigen Fragen sind schnell geklärt.

Und wenn irgendwo etwas nicht so funktioniert, wie es soll, ist da jemand, der die Bühne kennt und sich darum kümmert. Ich konnte mich dadurch tatsächlich einfach auf das konzentrieren, weshalb ich überhaupt dort war:

auf die Show.

Und genau da kam mir wieder ein Gedanke, den ich auf Festivals immer wieder interessant finde:

Was ist eigentlich besser – der feste Lichttechniker eines Künstlers oder der Techniker, der die komplette Bühne betreut?

Denn beide machen am Ende Licht. Aber sie kommen aus zwei komplett unterschiedlichen Richtungen.

Zwei Techniker, zwei Perspektiven

Auf den ersten Blick machen beide eigentlich dasselbe. Sie stehen am FOH, bedienen das Lichtpult und sorgen dafür, dass es auf der Bühne gut aussieht. Aber die Ausgangssituation könnte unterschiedlicher kaum sein.

Der feste Lichttechniker des Künstlers kennt seine Band.

Er kennt die Songs. Er kennt die Abläufe. Er weiß, wann ein Break kommt, wann der Gitarrist nach vorne läuft und an welcher Stelle der Sänger normalerweise das Publikum mitnimmt. Vielleicht kennt er sogar die komplette Show auswendig. Er weiß, welcher Song ruhig beginnt und später komplett eskaliert. Er weiß, wann ein bestimmter Look kommt und wann bewusst eben nicht alles auf einmal passiert. Kurz gesagt:

Er kennt den Künstler.

Der Techniker, der dagegen die komplette Festivalbühne betreut, kennt etwas anderes.

Er kennt die Bühne.

Er kennt das vorhandene Licht, die Positionen der Lampen, das Patch, die Besonderheiten des Systems und meistens auch die kleinen Eigenheiten, die man erst nach ein paar Stunden mit genau diesem Setup kennenlernt. Er weiß vielleicht: „Die Lampe hängt dort.“ „Die Gruppe liegt auf diesem Executor.“ „Dieser Wash hat einen anderen Zoom.“ „Der Spot macht bei dieser Position gerne Unsinn.“ Und wenn fünf Minuten vor Showbeginn etwas nicht funktioniert, weiß er meistens auch, wo er suchen muss. Kurz gesagt:

Er kennt die Technik.

Der Tourtechniker kennt die Show

Wenn ein Künstler seinen eigenen Lichttechniker mitbringt, hat das einen riesigen Vorteil. Die Show ist nicht einfach irgendeine Show. Sie ist vorbereitet.

Der Techniker weiß, was passieren soll.

Gerade bei größeren Produktionen kann das natürlich extrem weit gehen. Von komplett programmierten Shows über Timecode bis hin zu ausgefeiltem Busking. Der Techniker muss nicht bei jedem Song überlegen:

„Was könnte ich hier machen?“ Er weiß es bereits.

Das Licht ist Teil der musikalischen Dramaturgie geworden. Und genau das merkt man. Ein guter Tourtechniker macht nicht einfach nur Licht. Er begleitet die Show. Er kennt die Musik so gut, dass er manchmal schon weiß, was als Nächstes passiert, bevor es überhaupt passiert.

Der Festivaltechniker kennt die Realität

Auf der anderen Seite steht der Techniker, der vielleicht an diesem Tag sechs oder acht verschiedene Künstler betreut. Und jeder davon bringt seine eigene Vorstellung mit. Der eine möchte viel Weiß. Der nächste möglichst wenig. Der dritte möchte seine Show komplett selbst fahren. Der vierte kommt mit einem USB-Stick und sagt: „Das ist meine Showfile.“ Und dann stellt man fest, dass ungefähr 30 Prozent der verwendeten Lampen auf dieser Bühne gar nicht hängen. Das ist Festivalalltag. Der lokale Techniker muss deshalb flexibel sein. Er muss aus dem vorhandenen Material möglichst viel herausholen. Und genau hier liegt seine Stärke. Er kennt die Möglichkeiten und Grenzen des Systems. Wenn ein Künstlertechniker sagt: „Ich brauche diesen Look.“ Dann kann der lokale Techniker häufig sofort sagen: „Können wir machen. Aber nicht mit dieser Lampe – nimm lieber die dort.“ Oder: „Der Effekt funktioniert, aber dafür müssen wir diesen Teil des Patches anders lösen.“ Das ist kein Konkurrenzkampf.

Im besten Fall ist es Teamwork.

Und genau da wird es interessant

Denn eigentlich brauchen beide Seiten einander. Der Künstlertechniker weiß, was passieren soll. Der lokale Techniker weiß, wie man es mit der vorhandenen Technik umsetzen kann. Der eine kennt die Musik. Der andere kennt die Bühne.

Und wenn beide miteinander arbeiten, kann etwas richtig Gutes entstehen.

Der Künstlertechniker kommt mit seiner Show an den FOH und muss nicht erst drei Stunden damit verbringen, herauszufinden, wie das lokale System aufgebaut ist. Der lokale Techniker muss gleichzeitig nicht erraten, was der Künstler eigentlich möchte. Man spricht miteinander. Man schaut sich das System an. Man findet Lösungen.

Und plötzlich wird aus „mein Pult“ und „deine Show“ einfach unsere Produktion für diesen Abend.

Was ist also besser?

Die Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Ein Künstler, der eine sehr individuelle Show hat und diese über viele Termine hinweg möglichst konsistent präsentieren möchte, profitiert enorm von einem festen Lichttechniker.

Der kennt die Show.

Er kennt die Band.

Er kennt die Abläufe.

Und er kann genau das umsetzen, was der Künstler möchte.

Ein Festival wiederum braucht Techniker, die mit unterschiedlichsten Produktionen umgehen können.

Menschen, die sich schnell in Systeme einarbeiten, improvisieren können und auch dann noch ruhig bleiben, wenn fünf Minuten vor dem Auftritt plötzlich irgendein Gerät beschlossen hat, heute nicht mehr mitspielen zu wollen.

Das sind zwei völlig unterschiedliche Fähigkeiten. Und keine davon ist weniger wert.

Ich durfte am Freitag wieder die andere Seite erleben

Genau deshalb hat mir der Freitag so viel Spaß gemacht. Ich war dieses Mal nicht derjenige, der den ganzen Tag die Bühne im Blick haben musste. Ich konnte mich auf einen Künstler und eine Show konzentrieren. Und gleichzeitig habe ich wieder gemerkt, wie angenehm es sein kann, wenn am FOH jemand sitzt, der die Bühne und das vorhandene System kennt. Man kommt zusammen, schaut sich an, was vorhanden ist, spricht kurz darüber – und dann geht es los.

Kein „Das geht nicht.“

Kein „Das haben wir noch nie so gemacht.“

Sondern:

„Wie bekommen wir es hin?“

Und genau das ist für mich eigentlich der Kern der Sache.

Am Ende zählt die Show

Ob ein Künstler seinen eigenen Lichttechniker mitbringt oder mit dem Festivaltechniker arbeitet, ist zunächst einmal gar nicht entscheidend. Entscheidend ist, was am Ende auf der Bühne passiert. Der beste Tourtechniker kann mit einer unbekannten Bühne an seine Grenzen kommen. Der beste lokale Techniker kann keine Gedanken lesen und kennt die Songs des Künstlers vielleicht nicht. Aber wenn beide Seiten ihr Wissen zusammenbringen, profitieren alle davon.

Der eine kennt die Musik.

Der andere kennt die Technik.

Und irgendwo dazwischen entsteht das, was das Publikum am Ende sieht.

Eine gute Show.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis:

Nicht der eine Techniker muss besser sein als der andere.

Sie haben einfach unterschiedliche Jobs – und gemeinsam können sie ihn verdammt gut machen.

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