Vom knackigen Bass zum Sägezahn – Als Kick, Bass und Melodie noch ein Team waren

Es gibt diese Momente auf einem Festival, in denen der DJ plötzlich einen Klassiker auspackt.

Die ersten Töne von Gigi D’Agostino.
Ein alter Track von ATB.
Sandstorm von Darude.
Ghosts ’n‘ Stuff von Deadmau5.

Und plötzlich passiert etwas.

Die Leute schauen vom Handy auf. Sie singen mit. Sie grinsen. Sie tanzen. Für einen kurzen Moment ist es völlig egal, ob jemand 20 oder 50 Jahre alt ist. Dann endet der Klassiker. Der nächste Track beginnt.Und ich frage mich mal wieder:

Wann genau haben wir eigentlich beschlossen, Kick und Bass in Rente zu schicken und stattdessen den Sägezahn-Synth zum Hauptdarsteller zu machen?


Früher war EDM ein Mannschaftssport

Ich weiß… Jetzt kommt wieder der alte Mann mit seinen Geschichten.

Damals war alles besser.
Die Cola hat nur 20 Franken gekostet.
Und das Gras war grüner.

Nein. Nicht alles war besser.

Aber bei der Musik vermisse ich tatsächlich etwas. Früher hatte jeder Bestandteil eines Tracks seine Aufgabe.

  • Die Kick gab den Takt vor.
  • Der Bass sorgte für Druck.
  • Die Melodie blieb im Kopf.

Keines dieser Elemente musste den Helden spielen. Sie funktionierten zusammen.Und genau deshalb funktionieren viele Tracks aus dieser Zeit heute noch genauso gut wie damals.


Die Zeit, in der weniger mehr war

Ende der 90er und Anfang der 2000er brauchten Künstler wie Gigi D’Agostino, ATB, Darude oder Cosmic Gate keine 150 Spuren voller Synthesizer.

Ein guter Beat.

Eine Bassline mit Charakter.

Eine Melodie, die man nach dem ersten Hören schon wieder pfeifen konnte. Mehr war oft gar nicht nötig. Man hörte einen Track fünf Sekunden und wusste sofort, wer dahintersteckt. Heute höre ich manchmal fünf Tracks hintereinander und frage mich, ob überhaupt schon der nächste angefangen hat.


Dann kam die goldene Zeit des Electro House

Für mich liegt die musikalische Primetime ungefähr zwischen 2005 und 2010.

Deadmau5. Eric Prydz. Benny Benassi. Die frühen Swedish House Mafia.

Das war für mich EDM in Bestform.

Die Kick war trocken. Der Bass war knackig. Die Melodien hatten Platz. Jedes Element durfte atmen. Und genau deshalb hatten diese Tracks so unglaublich viel Groove.

Irgendwann wurde alles größer

Dann wurden die Bühnen größer. Die LED-Wände größer. Die Flammen höher. Die Pyrotechnik spektakulärer. Und scheinbar bekam irgendwann jeder Produzent dieselbe Rundmail:

„Ab sofort bitte mindestens zwölf Sägezahn-Synths pro Drop verwenden.“

Der Bass machte langsam einen Schritt zurück. Die Kick musste plötzlich alleine den Druck erzeugen. Und der Sägezahn bekam einen unbefristeten Vertrag.


Die Kick arbeitet inzwischen Überstunden

Manchmal habe ich das Gefühl, dass heute alles auf der Kick lastet.

  • Sie soll drücken.
  • Sie soll knallen.
  • Sie soll den Drop tragen.

Der Bass darf irgendwo darunter noch höflich „Hallo“ sagen. Und darüber versucht ein Sägezahn-Synth jede freie Frequenz zu besetzen. Früher haben Kick und Bass miteinander getanzt. Heute arbeitet die Kick Doppelschichten.


Aus Sicht eines Lichttechnikers

Vielleicht höre ich Musik heute tatsächlich anders als früher. Nach über 20 Jahren in der Eventbranche entwickelt man irgendwann ein Gespür dafür, ob ein Track groovt oder einfach nur laut ist. Ich höre Musik nicht über Laptoplautsprecher. Ich höre sie über PA-Anlagen, bei denen der Subwoofer ungefähr die Größe meines ersten Kühlschranks hat. Und genau deshalb fällt mir etwas auf.

Früher haben Kick und Bass gemeinsam den Magen massiert.

Heute übernimmt das meistens die Kick alleine, während darüber ein Sägezahn-Synth klingt, als würde jemand mit einer Flex beim Zahnarzt arbeiten.

Vielleicht bin ich damit altmodisch.

Vielleicht bin ich auch einfach verwöhnt.

Aber ich vermisse dieses Zusammenspiel aus Kick, Bass und Melodie, das einen Track getragen hat, anstatt dass ein einzelner Synth versucht, die komplette Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.


Vielleicht bin ich einfach nostalgisch

Natürlich verändert sich Musik. Und das ist auch gut so. Ich möchte auch gar nicht behaupten, dass heute alles schlechter ist. Die Produktionen sind technisch beeindruckend. Die Shows sind größer als je zuvor. Und ich ziehe meinen Hut vor jedem Produzenten, der aus hunderten Spuren einen sauberen Mix baut.

Aber trotzdem erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich mich freue, wenn plötzlich ein Klassiker läuft. Nicht, weil ich in der Vergangenheit leben möchte. Sondern weil diese Songs etwas hatten, das ich heute oft vermisse.

Groove.


Mein Wunsch

Ich wünsche mir keine Zeitmaschine. Ich wünsche mir keine Rückkehr ins Jahr 2003. Ich wünsche mir einfach Produzenten, die sich wieder daran erinnern, dass elektronische Musik nicht aus einem Wettbewerb besteht, wer den aggressivsten Sägezahn bauen kann.

Lasst die Kick wieder den Takt vorgeben.

Gebt dem Bass wieder eine Aufgabe.

Und der Melodie wieder genug Platz, damit wir sie auch in zehn Jahren noch mitsingen können.

Denn am Ende sind es genau diese Tracks, die Generationen überdauern.

Und jetzt entschuldigt mich bitte.

Ich muss kurz in alte Zeiten verschwinden hören.

Mein Bass hat gerade Heimweh.

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