Warum Festivals eine ganz besondere Welt sind

Es ist Montagabend. Der Bus ist ausgeräumt und zurück gebracht, die Taschen stehen wieder an ihrem Platz und der erste Kaffee zu Hause schmeckt irgendwie anders. Nach jedem Festival gibt es diesen Moment, in dem ich einfach die Ruhe genieße. Nicht, weil das Wochenende schlecht war. Ganz im Gegenteil. Vielleicht denken manche, ich würde Menschen nicht mögen. Tatsächlich habe ich diesen Satz selbst schon oft mit einem Augenzwinkern gesagt. Aber wenn ich ehrlich bin, stimmt er nicht. Ich hasse keine Menschen.

Ich genieße nur nach einem Festival auch mal einen Tag Ruhe.

Denn ein Festival ist intensiv. Nicht nur wegen der Musik oder weil man wenig schläft. Sondern weil man für ein paar Tage in eine völlig andere Welt eintaucht. Eine Welt, in der Menschen zusammenkommen, die sich im Alltag wahrscheinlich nie begegnet wären. Am Campingtisch sitzt der ITler neben dem Pädagogen. Der Arzt unterhält sich mit dem Handwerker. Der Vertriebler diskutiert mit dem Studenten über die beste Band des Tages. Und das Schönste daran? Es irrelevant wer der Gegenüber ist.

Vor einiger Zeit habe ich einen Beitrag über Generationen geschrieben. Über Gen Z, Millennials und darüber, wie schnell wir Menschen in Kategorien einteilen. (Blogpost)

Auf dem Festival habe ich gemerkt, wie unwichtig diese Kategorien plötzlich werden. Niemand fragt nach deinem Alter. Niemand interessiert sich für deinen Beruf. Und erstaunlich schnell verschwindet auch dieses typische „Schau mal, was ich habe.“ Stattdessen zählt etwas ganz anderes.

  • Lass uns gemeinsam frühstücken.
  • Lass uns einen Kaffee trinken.
  • Lass uns heute Abend zusammen vor die Bühne gehen.
  • Lass uns einfach eine gute Zeit haben.

Vielleicht sind Festivals genau deshalb eine so besondere Welt. Nicht weil sie perfekt sind. Sondern weil für ein paar Tage vieles unwichtig wird, was uns im Alltag oft viel zu wichtig erscheint. Die Camping-Crew ist über die Jahre unglaublich gut organisiert. Jeder bringt etwas mit. Jeder übernimmt seinen Teil, ich sage nur Kaffee und Gin Tomic. Jeder weiß ungefähr, was zu tun ist. Von außen wirkt das vielleicht fast schon ein wenig übertrieben. Für mich bedeutet es etwas ganz anderes.

Es bedeutet Freiheit.

Weil alles organisiert ist, muss niemand ständig nachdenken oder improvisieren. Niemand muss überlegen, wer noch schnell einkaufen fährt oder wer das Werkzeug eingepackt hat. Dadurch entsteht etwas, das man nicht planen kann: Zeit.

Zeit für Gespräche.

  • Zeit für Musik.
  • Zeit für gemeinsames Kochen.
  • Zeit, morgens mit einer Tasse Kaffee einfach vor dem Bus zu sitzen und den Tag langsam beginnen zu lassen.

Struktur schafft Freiraum. Nicht nur in der IT. Auch auf einem Festival. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es diesmal so wenige Fotos vom Camp gibt. Nicht, weil es nichts zu fotografieren gegeben hätte. Sondern weil das Handy die meiste Zeit einfach in der Tasche geblieben ist.

Ich wollte nicht dokumentieren. Ich wollte erleben. Die besten Erinnerungen entstehen manchmal genau dann, wenn niemand daran denkt, sie festzuhalten. Natürlich gibt es auch auf Festivals Menschen, die laut sind. Menschen, die Chaos hinterlassen. Menschen, die vergessen, dass sie nicht alleine dort sind.

Aber sie sind nicht das, woran ich mich erinnere. Ich erinnere mich an die Nachbarn, die helfen, bevor man überhaupt fragen muss. An Gespräche mit Menschen, die ich vorher nicht kannte. An gemeinsames Lachen. An den ersten Kaffee am Morgen. Und an das Gefühl, dass für ein paar Tage alles ein bisschen einfacher sein darf.

Heute genieße ich trotzdem die Ruhe. Nicht als Flucht vor den Menschen. Sondern als Gegenstück zu einem Wochenende voller Begegnungen. Denn genau das macht für mich den Reiz aus. Gemeinschaft, wenn sie da ist.

Ruhe, wenn sie wieder gebraucht wird.

Das eine schließt das andere nicht aus. Vielleicht sind Festivals deshalb auch heute noch eine kleine eigene Welt. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich jedes Jahr wiederkomme.

P.S.: Falls sich jemand fragt: Ja, der Lichttechniker in mir hat sich auch dieses Mal wieder kurz gemeldet. Am ersten Abend wurde selbstverständlich die Bühne analysiert, über Lampen philosophiert und die ein oder andere Entscheidung hinterfragt. (Blogpost)

Danach hatte er Feierabend.

Schließlich war ich dieses Mal einfach nur Festivalbesucher. Und das war vielleicht das Beste am ganzen Wochenende.

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